Die Phänomenologie der Zukunft: Eidetisch,transzendental oder naturalisiert?

Dieter Lohmar



Hat die Phänomenologie eine Zukunft? Was heißt es überhaupt für eine philosophische Disziplin, eine Zukunft zu haben? Sicher hat fast jede Disziplin der Philosophie eine Zukunft in dem eingeschränkten Sinne, dass es weiterhin historische und interpretierende Arbeiten zum Gebiet der betreffenden Richtung oder des Philosophen geben wird. Aber dies ist mit der Frage sicher nicht gemeint, denn ich glaube, es geht bei der „Zukunft“ einer solchen Richtung des Denkens um ihre bleibende Wirkung, die lebendige Aufnahme neuer Probleme und die weitere Ausgestaltung alter Fragen. Mit der „Zukunft“ einer philosophischen Disziplin ist also diese Art der bleibenden Lebendigkeit gemeint, die sich besonders mit der Aufnahme neuer Themen erweist. Auch in dieser Hinsicht hat die Phänomenologie eine Zukunft.

Ich werde die Frage nach der „Zukunft“ vor allem für die Husserlsche Phänomenologie stellen und die verschiedenen Richtungen der Phänomenologie, die sich von Husserls ursprünglicher Gestaltung abgewandt haben, für den Zweck des Arguments beiseite lassen. Die bleibende Lebendigkeit der Phänomenologien, die sich nur zumTeil Husserls Methoden zu eigen machen konnten, erweist sich jeweils auf andere Weise. Es handelt sich dabei zum Teil um sehr einflussreiche Richtungen des phänomenologischen Denkens: So hat Heideggers radikaler daseinsanalytischer Neuanfang eine eindrucksvolle und dauerhafte Wirkung in fast allen Ländern der Welt. Die Phänomenologie Merleau-Pontys besticht durch ihre Leibanalysen, den Versuch der Anbindung an die Psychologie und die Naturwissenschaft ihrer Zeit. Die Vertreter des sogenannten „religious turn“ der Phänomenologie in Frankreich, wie Levinas, Michel Henry, J.-L. Marion und viele weitere Vertreter der französichen Philosophie bemühen sich um eine Einbeziehung religiöser Überzeugungen und Fragestellungen in die Phänomenologie.

Die Phänomenologie Husserls will eine eidetische und transzendentale Aufklärung des Bewußtseins und seiner Leistungen aus der erlebten Innenperspektive des Empfindens, Wahrnehmens, Erkennens, Wollens usw. sein. Hauptgegenstand der Analysen Husserls sind die Konstitution der verschiedenenen Typen von Gegenständen und die zugehörigen Evidenzstile, d.h. die verschiedenen Stile der Erfüllung dieser Intentionen. Die beiden wichtigsten Methoden der Phänomenologie sind die eidetische Methode und die transzendentale Reduktion.

Husserls Phänomenologie ist eine methodenzentrierte Disziplin. Sie kann daher auch nicht mit dem Werk eines einzigen Phänomenologen identifiziert und darauf beschränkt werden. Phänomenologie, so wie Husserl sie versteht, ist in erster Linie eine Methode mit deren Hilfe alle weiteren Mitarbeiter dieses Projekts „Phänomenologie“ ebenfalls Beiträge leisten können. Husserl selbst ist in diesem methodenzentrierten Projekt nur ein Mitarbeiter, allerdings ein wichtiger Mitarbeiter. Als solche Methode und als „Arbeitsphilosophie“ verstanden hat Phänomenologie gute Ausichten auf eine aktive Integration von neuen Fragestellungen.

Im 1. Teil meiner Darstellung werde ich untersuchen, welchen Sinn eine transzendentale Untersuchung im Rahmen der Phänomenologie hat und ob sie auch in Zukunft noch sinnvoll ist. Im 2.Teil soll dieselbe Frage an Husserls eidetische Methode gestellt werden. Im 3. Teil stelle ich dann das Projekt der „Naturalisierung der Phänomenologie“ vor und diskutiere dessen Sinn und Grenzen. Dabei widme ich mich auch der Frage, warum die Zusammenarbeit von Cognitive Science und Phänomenologie gerade heute besonders vielversprechend ist.

1. Ist transzendentales Denken noch zeitgemäß?

Von Anfang an stellte die transzendentale Reduktion dabei eine besondere Schwierigkeit dar. Schon von den sogenannten „Münchner Phänomenologen“ und später auch von M. Heidegger, E. Fink, J.-P. Sarte und M. Merleau-Ponty wurde sie abgelehnt. Ein zentrales Problem dabei ist ihre Motivation: Es ist schwer vorzustellen, wie wir innerhalb der alltäglichen praktischen Interessen so etwas wie die Einklammerung aller Geltungsansprüche der Welt und der Gegenstände in ihr motivieren können. Um die Motivation der epoché zu finden, experimentierte z.B. Eugen Fink mit der Vorstellung von eingreifenden Grenzerfahrungen, die uns zu einer solchen radikalen, scheinbar skeptischen Massnahme veranlassen könnten. Aber nicht nur das Motiv, sondern auch der Zweck dieser Massnahme, d.h. was man mit ihr erreichen konnte, blieb für viele Interpreten weitgehend uneinsichtig. Man könnte sagen, dass es Husserl nicht hinreichend einsichtig gelungen ist, diese zentrale methodische Maßnahme zu motivieren.

Das bedeutet nicht, dass ich auch der Ansicht wäre, sie sei nicht sinnvoll oder sie sei nicht zu motivieren. Im Gegenteil, ich bin von beidem überzeugt und werde kurz die Gründe dafür darlegen. Die transzendentale Reduktion ist eine Methode im Rahmen der phänomenologischen Analyse des Bewusstseins und seiner Inhalte. Mit ihrer Hilfe können wir von dem Phänomen, d.h. dem Bewußtsein wirklicher (oder möglicher) Gegenstände, zurückgehen auf die Sinnlichkeit und die Operationen des Geistes, die es uns ermöglichen, diesen Gegenstand zu haben.

In den Ideen I soll die epoché das Rätsel lösen, wie wir auf dem Boden recht schwacher sinnlicher Evidenzen und beschränkter Erfahrung zu der Ansicht kommen, daß die Welt im Ganzen und die Gegenstände in ihr „wirklich“, „objektiv“ seien, d.h. dass sie nicht nur jetzt existieren, sondern auch in Zukunft, dass sie nicht nur in meinem Erleben sondern für Jedermann auf gleiche Weise sind. Die Aufgabenstellung besitzt Parallelen zur sogenannten akademischen Skepsis, denn Husserl will nicht bezweifeln, ob die Welt wirklich ist oder nicht. Sondern: Er will lediglich genau wissen, wie und durch welche Anschauungsakte, wir dazu gekommen sind, dies zu glauben. Reduktion ist daher auch kein Zweifel oder Skepsis, denn wir müssen für die Untersuchung der Frage des „Wie“ immer - sozusagen heuristisch - von unseren tatsächlichen Überzeugungen hinsichtlich der Welt ausgehen, aber deren Geltungsansprüche radikal befragen. Transzendentale Analysen im Husserlschen Sinne setzen also den Vollzug der transzendentalen Reduktion voraus, d.h. sie setzen voraus, daß wir alle Überzeugungen hin­sichtlich der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der wahrgenommenen Dinge und hinsichtlich der Geltung uns bereits bekannter Theorien (z.B. der Physik, Chemie und aller Naturwissenschaften) zeitweilig aussetzen bzw. einklammern. Dies dient dazu, die Frage nach dem anschaulichen Ursprung der Wirklichkeits-Setzung (und aller anderen Modalitäten, wie möglich, zweifelhaft usw.) auf einem Erfahrungsboden zu klären, der genau diese Setzung, deren Recht wir prüfen wollen, nicht (oder nicht mehr) enthält. Es geht also um eine Aufklärung der Konstitution einer Setzung, welche von irreführenden Zirkeln frei ist. Dasselbe gilt übrigens auch von den anderen Formen der Reduktion, welche Husserl vorschlägt (Primordiale Reduktion, Reduktion auf den rellen Bestand, die Reduktion auf die lebendige Gegenwart usw.). (1)

Dennoch ist die Methode der Analyse im Rahmen der transzendentalen Reduktion nicht von der Erfahrung abgewandt. Im Gegenteil, die Bezeichnung „transzendentale Erfahrung“ ist nicht falsch. Sie trifft sogar den Kern dieser transzendentalen Untersuchungsrichtung. Das Residuum der transzendentalen Reduktion (d.h. dasjenige, was nach ihrer Anwendung übrig bleibt) ist in erster Linie ein Erfahrungsfeld, das der Beschreibung zugänglich ist. Hierbei spielt die Bezeichnung „Feld“ ganz bewußt auf andere Felder der Erfahrung an, wie z.B. das visuelle Feld, das taktuelle Feld usw. Es ist ein Feld, in dem alle intentionalen Gegenstände der Wahrnehmung und der Erkenntnis zu finden sind, die auch bisher in unserer alltäglichen Welt aufgetreten sind. Es gibt nur die Besonderheit, daß wir jetzt nicht mehr den Setzungscharakter des wirklich (von Dingen) und des geltend (von Theorien) mitmachen. Dieser Setzungscharakter wird universal außer Kraft gesetzt, sozusagen in Klammern gesetzt. Auf diese eingeklammerte Weise bleibt er noch bewußt, und zwar mit seinem problematischen Geltungsanspruch, dessen Berechtigung es zu klären gilt.

Die tranzendentale Reflexion mit Gebrauch der transzendentalen Reduktion ist also ein auf die Klärung solcher grundlegenden Geltungsansprüche gerichtetes Verfahren. Sie steht daher notwendigerweise ganz am Anfang des gesamten Vorhabens der Aufklärung dessen, was Wahrnehmung und Erkenntnis ist, und wie diese möglich ist. In diesem Sinne ist sie für eine grundlegende Erste Philosophie (prima philosophia) unentbehrlich.

Wie soll es aber auf diesem Hintergrund möglich sein, dass die Phänomenologie mit empirischen Naturwissenschaften oder der Cognitive Science zusammenarbeitet, wie es z.B. die „naturalisierte Phänomenologie“ denkt? Dies geht durchaus, denn: Wenn wir mit Hilfe der transzendentalen Reduktion die grundlegeden Möglichkeitsbedingungen von Wahrnehmen und Erkennen aufgedeckt haben, dann hindert uns nichts daran, im weiteren Fortgang der Aufklärung der Einzelheiten des menschlichen Denkens auch die Ergebnisse und Hypothesen der Naturwissenschaften zu berücksichtigen.

2. Ist die Phänomenologie wesentlich eidetisch?

Die zweite wichtige Methode der Phänomenologie ist die eidetische Methode, d.h. die sogenannte Wesensschau. Gerade diese Bezeichnung liess viele Philosophen irriger Weise vermuten, dass Husserl eine Art Platonimus vertritt. Die eidetische Methode greift jedoch nur eine alltägliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen auf und versucht diese methodisch zu verfeinern. Anders als bei Platon wird das Allgemeine jedoch nicht zu einem eigenen Existenzbereich hypostasiert, sondern lediglich als ein Gegenstand der Erkenntnis präzisiert. Wir sind in der Lage, Gleichheit und gleichartige Aspekte bei verschiedenen Gegenständen des täglichen Lebens zu erfassen, d.h. zu bemerken, dass diese Stühle, Bäume oder Menschen dort irgendwie gleich aussehen. Auf der Grundlage dieser natürlichen Fähigkeit wird dann das Verfahren als eidetische Methode im Sinne bewusst verfolgter Methodenstrenge genauer bestimmt als das aktive und vergegenständlichende Aufnehmen des überall Gemeinsamen.

Die eidetische Methode erreicht 1925 in der Vorlesung über Phänomenologische Psychologie ihre endgültige Gestalt. Sie heisst dann „eidetische Variation“. Der zentrale Punkt der eidetischen Variation ist die unbegrenzte Erzeugung von Phantasievariationen, die als das unentbehrliche Element der Methode herausgearbeitet wird. Ausgangspunkt der Methode ist ein anschaulich gegebenes konkretes Beispiel, d.h. ein Gegenstand, der in der Folge auch als leitendes Vorbild fungiert. Von ihm ausgehend erzeugen wir unbegrenzt viele mögliche Phantasievarianten dieses Exempels. Jede dieser Varianten ist darüberhinaus mit der Meinung verbunden: „Und so weiter!“, Ich kann und ich werde immer weiter variieren. Obgleich diese Variation de facto immer nur endlich viele Varianten erzeugen kann, ist es doch dieses „und so weiter“ das eine Begrenzung auf ein zufällig umgrenztes mundanes Gebiet verhindert.

In der Durchsicht aller dieser möglichen Varianten „zeigt sich“ dann ein invariantes, identisch durchlaufendes Sinnelement. Es zeig sich dabei im Sinne einer Deckungssynthesis von Teilintentionen dieser Varianten. Husserl hatte dazu in seiner Theorie der kategorialen Anschauung aufgewiesen, dass diese Deckungssynthesen eine Form der Anschaulichkeit darstellen. (2) Wegen der sorgfältigen Ausrichtung auf unbegrenzte Variation kann man sicher sein, dass das gefundene, gemeinsame Sinnelement auch in allen weiteren Fällen vorhanden sein wird.

Mit diesem Erkenntnisanspruch, nämlich dass mit Hilfe der eidetischen Methode nicht nur Fakten, sondern auch notwendig vorkommende Sinnelemente an allen Einzelgegenständen einer bestimten Art von Gegenständen bestimmt werden können, grenzt sich Husserl von der empirischen Psychologie ab. Es ist der  spezifisch phänomenologische Begriff von apriori, der hiermit bestimmt wird. Empirische Wissenschaft formuliert ihre Ergebnisse auch in Allsätzen, die jedoch auf der immer beschränkten Erhebung von faktischen Daten beruhen, die dann mit Hilfe der Induktion verallgemeinert werden.

Bei aller richtigen und gut begründeten Abgrenzung der eidetischen Methode von der induktiven Methode ist doch mit der Bestimmung des phänomenologischen Apriori zugleich eine Bewegung auf die empirischen Wissenschaften hin getan: Es ist der Anspruch, eine Struktur festzuhalten, die bei „allen“ empirischen und „allen“ weiter möglichen Fällen gleich ist. Dieser Anspruch auf die Bestimmung aller Fälle bildet daher eine „Brücke“ zwischen der empirischen Naturwissenschaft und der Phänomenologie. Das heisst: Beide Erkenntnisansprüche sind sinnverschieden, aber es gibt Abhängigkeits-Beziehungen zwischen beiden. So darf z.B. eine eidetische Einsicht nicht der empirischen Erkenntnis widerstreiten, umgekehrt können eidetische Einsichten die empirische Forschung auf neue Wege bringen. Husserls auf den ersten Blick vielleicht etwas altmodisch - oder sogar platonisch - anmutende eidetische Methode erweist sich auf diese Weise hinsichtlich einer möglichen Kooperation mit empirischen Wissenschaften als einer der grössten Vorzüge der Phänomenologie.

3. Das Bewusstsein im Blick der Cognitive Science - auf dem Weg zur einer naturalisierten Phänomenologie?

Eine Aufklärung der Leistungen des Bewußtseins wollen in den letzten Jahrzehnten auch immer mehr die Neurowissenschaften, die Cognitive Neuroscience und auch andere Naturwissenschaften. Die Neurowissenschaften untersuchen nicht mehr nur das Gehirn als Organ, sondern versuchen zunehmend auch den eigentümlichen „geistigen“ Leistungen dieses Organs näherzukommen. Auf diese Weise gerät das Bewußtsein und seine Inhalte in den Kreis der Themen der empirischen Naturwissenschaften.

Auf diesem Hintergrund ist das Projekt einer „naturalisierten Phänomenologie“ zu verstehen. Es handelt sich dabei um den Versuch von Phänomenologen, die Kooperation mit den Neurowissenschaften, der empirischen Psychologie und den Cognitive Science zu suchen. Viele Einzelforschungen bemühen sich seit langem, die Verbindung zwischen der phänomenologischen Untersuchung des Bewusstseins aus der Innenperspektive und der Untersuchung aus der Außenperspektive der Naturwissenschaften greifbar zu machen. Eine der deutlich sichtbaren Meilensteine dieser Entwicklung ist der 1999 erschienene Band von Jean Petitot mit dem Titel „Naturalizing Phenomenology“ und die Gründung der Zeitschrift „Phenomenology and Cognitive Science“, durch Shaun Gallagher und Natalie Depraz.

Die Bezeichung dieser Tendenz als „Naturalisierung der Phänomenologie“ und die hier vorgeschlagene Bezeichnung einer „naturalisierten Phänomenologie“ weckt allerdings Ängste vor einer damit verbundenen Naturalisierung des Gegenstandes der phänomenologischen Untersuchungen, nämlich Bedenken vor einer Naturalisierung des Bewusstseins und seiner Inhalte. Eine solche Naturalisierung hatte schon Husserl kämpferisch als einen gravierenden Fehler herausgestellt. Eine Naturalisierung des Bewusstseins ist aber in der sogenannten „Naturalisierung der Phänomenologie“ nicht beabsichtigt. Es geht lediglich darum, eine engere Verbindung und Verschränkung der methodisch ganz unterschiedlichen Analysen von Cognitive Neuroscience, empririscher Psychologie und Phänomenologie zu fördern.

Allgemein wurde und wird die Einbeziehung empirischer Ergebnisse in die Philosophie schon seit Aristoteles‘ Zeiten von vielen Seiten immer wieder und in verschiedener Weise gefordert. In der heutigen Situation heisst dies: Philosophen sollten heute nicht mehr eine Theorie des Geistes entwerfen, ohne die relevanten empirisch-pschologischen und naturwissenschaftlichen Forschungen zu berücksichtigen.

So propagieren z.B. George Lakoff und Mark Johnson eine neue „empirisch verantwortungsvolle Philosophie“, die auf einem kognitionswissenschaftlichen Verständnis des kognitiven Unbewussten gründet und den Bereich präreflektiver Kognition umfaßt. Sie sehen in Merleau-Ponty und John Dewey Vorbilder dieser Weise philosophischen Denkens und halten eine gegenseitige Befruchtung zwischen Philosophie und Kognitionswissenschaften für möglich und sinnvoll. (3)

Wo sind aber die Grenzen der Zusammenarbeit bei den methodisch so unterschiedlichen Wissenschaften wie Neurologie und ihrer kognitivistischen Interpretation auf der einen und Phänomenologie auf der anderen Seite? Worin liegt der mögliche Nutzen einer solchen Zusammenarbeit? Auch auf diese Fragen gibt es verschiedene Antworten.

Shaun Gallagher sieht gute Aussichten für eine gegenseitige Befruchtung und Aufklärung (mutual enlightment) von Phänomenologie und Cognitive Science. (4) Da die Aufklärung von Bewußtseinsleistungen in der empirischen Psychologie, der Neurologie und der Cognitive Science schon weit fortgeschritten ist, kann sie auch eine kritische Funktion für phänomenologische Analysen erhalten. Denn: Wenn es empirische Befunde gibt, die den eidetischen Einsichten widerstreiten, dann muss sich eidetische Analyse dieser Kritik stellen und gegebenenfalls auch die eigenen Fehler und Beschränkungen einräumen.

Umgekehrt kann die Phänomenologie die Interpretation von empirischen Ergebnissen der Neurowissenschaften leisten, denn sie geht von einem genuinen Einblick in die Innenperspektive des Erlebens aus, d.h. sie hat bereits den Sinn der Erlebnisse erfahren. Es scheint auch durchaus möglich, dass phänomenologische Einsichten neue Anregungen für die experimentelle Forschung geben können. Insofern bietet sich hier eine Kooperation zum gegenseitigen Nutzen an.

Man könnte sagen, dass zwei Wissenschaften, die den gleichen Gegenstand haben, d.h. das Bewusstsein, irgendwie immer zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten können. Doch hier ist Vorsicht geboten. Schon ein erster, noch ganz roher Vergleich zeigt, dass die Interessenrichtungen beider Untersuchungen sehr verschieden sind. Die empirische Untersuchung aus der 3.Person-Perspektive will in erster Linie wissen, „Was der Fall ist“, und zwar in der Dimension physiologischer Abhängigkeiten, z.B. welche Neuronengruppen wesentliche Informationen an welche andere Neuronen geben. Die phänomenologische und transzendentale Fragestellung interessiert sich dagegen für das introspektiv gegebene Leistungsgefüge der Tätigkeiten des Bewusstseins, d.h. sie untersucht eher das „Wie“ des Zustandekommens solcher Leistungen aus der erlebten Innenperspektive. Schon dieser begrenzte Vergleich zeigt, dass der Unterschied in der Fragestellung eine einfache Kooperation im Sinne eines Austauschs von Ergebnissen ausschliesst. Aber es gibt andere Formen fruchtbarer Zusammenarbeit.

Francisco Varela denkt sich den Zusammenhang von Cognitive Science und Phänomenologie durch gegenseitige Abhängigkeitsbeziehungen (constraints) und gegenseitige Anweisungen zu eingehenderer Erforschung bestimmter Einzelheiten vermittelt. (5) Auch Varela geht nicht von einer einfachen Gleichsetzung oder einer 1:1 Beziehung (isomorphism) der entsprechenden Gegenstandsbereiche aus.

Weiterhin ist auch ein Austausch möglich, der vor allem in der phänomenologischen Interpretation der Ergebnisse der Cognitive Neuroscience besteht. Diese Art der Interpretation scheint mir besonders wichtig, weil die Phänomenologie sowohl die Inhalte als auch das Subjekt der Intentionalität ernst nimmt und eine wissenschaftliche, auf Anschauung gegründeten Analyse aus der Innenperspektive des erlebenden Bewusstseins anstrebt. Oft werden die experimentellen Ergebnisse der Cognitive Neurocsience lediglich mit alltagspsychologischen Mitteln interpretiert. Auch die analytische Philosophie des Geistes kann, und zwar wegen ihrer überwiegend behaviouristisch motivierten Ignoranz hinsichtlich des erkennenden und leistenden Subjekts (die sich z.B. in dem Jargon der ‚mental states‘ ausdrückt) bislang keine geeignete Interpretationsgrundlage für die differenzierten Ergebnisse bieten.

Die schwächste Form einer möglichen Zusammenarbeit ist die gegenseitige Anregung zu neuen Forschungen. Aber auch diese Art der Kooperation kann sehr fruchtbar sein.

Es gibt aber durchaus Ansätze, die bezüglich der Möglichkeiten der Zusammenarbeit weit optimistischer sind. Shaun Gallagher stellt in seinen Aufsatz „Phenomenology and Experimental Design. Toward a Phenomenologically Enlightened Experimental Science” (6) die Frage, wie die Phänomenologie zur experimentellen Cognitive Neuroscience beitragen kann. Seinen eigenen Vorschlag nennt er „’front-loaded’phenomenology“ und charakterisiert sie dadurch, dass diese „direkten Gebrauch von der Phänomenologie“ macht, und zwar in dem Sinne, dass die Ergebnisse der phänomenologischen Untersuchungen in die Planung der empirischen Untersuchungen (experimental design) einbezogen werden. Auf indirekte Weise fungiert die Phänomenologie dabei auch als Teil des theoretischen Rahmens, innerhalb dessen die experimentellen Daten dann interpretiert werden.

4. Warum wird gerade heute die „Naturalisierung“ der Phänomenologie diskutiert?

Warum erscheint uns aber gerade heute das Projekt einer Kooperation zwischen Neurowissenschaften und Phänomenologie sinnvoll? Dies hängt meiner Meinung nach mit der Entwicklung der Cognitive Neuroscience zusammen: Diese empirischen und experimentellen Wissenschaften rücken immer näher an das Phänomen und die Inhalte des Bewußtseins heran. Hierdurch wird auch für die eidetische Erforschung aus der phänomenologischen Innenperspektive eine Zusammenarbeit mit der Forschung aus der 3.Person-Perspektive immer attraktiver.

Wie nahe sind aber die Neurowissenschaften den konkreten Inhalten des Bewusstseins schon gekommen? Wie weit sind die heute gebräuchlichen Verfahren schon dazu geeignet, die Beziehungen z.B. eines Musters neuronaler Aktivität und den entsprechenden Bewusstseinsinhalten zu bestimmen?

Durch die Verbesserung der bildgebenden Beobachtungsverfahren der neuronalen Aktivität des Gehirns, wie z.B. PET (Positronen-Emissions-Tomographie) fMR (functional magnetic resonance), hat die detaillierte Erforschung der Funktion einzelner Hirnregionen in den letzten Jahrzehnten einen grossen Schritt nach vorne getan. So kann man heute im Gehirn kognitive, emotionale und motorische Aktivitäten mit verschiedenen Verfahren beobachten, die die Unterschiede in der Stoffwechselaktivität und damit auch der neuronalen Aktivität bildlich darstellen können. Aber bisher reichen auch diese eindrucksvollen bildlichen Darstellungen für eine zuverlässige Identifikation der genauen Art der mentalen Aktivität, d.h. des bewußten Inhalts, aufgrund von neuronalen Aktivitäten nicht aus. Das bedeutet: Man kann auf Grund der Beobachtung der neuronalen Aktivität mit bildgebenden Verfahren heute noch nicht sagen, was der Inhalt des Bewußtseins ist, d.h. auf den Menschen zugeschnitten, was jemand wahrnimmt, will oder denkt. So dokumentieren PET-Darstellungen lediglich die Aktivität des Stoffwechsels in bestimmten Arealen des Gehirns. Wenn man dann die allgemeine Funktion dieses Gehirnareals kennt (z.B. aufgrund von Ausfall-Forschungen), dann kann man auch über die Art der jeweiligen Funktion etwas aussagen - aber eben nur sehr allgemein.

Zum Beispiel ist der Motor Cortex für die Steuerung von Bewegungen zuständig, das limbische System ist ganz generell an Gefühlen beteiligt, es gibt verschiedene Bereiche des Gehirns, die vor allem den Prozess der Wahrnehmung leisten usw. Gibt es z.B. eine erhöhte Aktivität in einem Teil des limbischen Systems, dann wissen wir, daß das Subjekt wahrscheinlich ein Gefühl empfindet. Wir können aber anhand der erkennbaren Muster der Stoffwechselaktivität nicht genau unterscheiden, ob es sich um Angst oder eine Überraschung handelt, und ob es die Furcht vor einem Tiger im Gebüsch ist oder die Angst, den Versuchsleiter zu enttäuschen. (7) Eine solche genaue Zuordnung von Aktivitätsmuster und Inhalt der Furcht ist bisher nicht zufriedenstellend gelungen. Natürlich kann man versuchen, die Ergebnisse noch präziser einzugrenzen, wenn man die jeweilige Versuchsanordnung experimentell auf eine bestimmte Angst (z.B. indem man einen Film über Tiger zeigt) zugeschnitten hat. Letztlich wissen wir aber nicht genau, worauf sich die Angst richtet, weil der erhöhte Stoffwechsel, - selbst wenn er ein relativ bekanntes räumliches Muster produziert - keinen Schluß auf den genauen Inhalt des Gefühls erlaubt. Eventuell ermöglichen künftige Verbesserungen dieser Methode oder die Entwicklung neuer Methoden aber eine genauere Identifikation. (8)

Man könnte nun sagen, dass dies zwar eine interessante Forschungsrichtung sei, die viel Interessantes zum Vorschein bringen kann usw. Aber es gibt gute Gründe dafür, hinsichtlich einer Identifikation radikal skeptisch zu sein. Man könnte behaupten: Der genaue Inhalt des menschlichen Bewußtseins läßt sich nie mit einem bildgebenden Verfahren abbilden. Er ist zu komplex, es gibt ausserdem die prinzipielle Schwierigkeit der Identifikation eines neuronalen Zustandes mit einem Bewusstseinsinhalt usw. Man kann auch der Ansicht sein, dass ein Beweis für die „Identität“ eines Bewußtseinsinhalts mit einem neurologischen Zustand (oder einer Aktivität des Gehirns) prinzipiell nicht möglich ist. Dies sei dann schon eine unzulässige Reduktion usw. --- Aber all dieser hochherzige und manchmal auch etwas hochnäsig erscheinende Protest der Geisteswissenschaftler, die auf der prinzipiellen Unbeweisbarkeit der Identität realer Verhältnisse mit bewussten Inhalten stützt, muss sich Gegen-Einwänden stellen, die sehr gute common sense Argumente auf ihrer Seite haben. Es gibt nämlich viele Verhältnisse zwischen Gegenständen in der Welt, deren Identität ebenso unbeweisbar ist, an die wir aber sehr fest glauben.

Ich denke hierbei an das Verhältnis von Bild und Ding. Natürlich ist es nicht möglich, ein Bild einfach mit einer Sache zu identifizieren, zumal wenn die Bildherstellung theoretisch hochvermittelt oder sogar computergestützt ist. Dennoch zeigt unser Verhalten im Alltag, dass wir uns faktisch auf eine solche Identität vollkommen verlassen, und zwar so vollständig, dass wir sogar unser Leben auf der Grundlage dieser Gleichsetzung riskieren werden. - Nehmen sie an, ein Mediziner diagnostiziert bei Ihnen mit Hilfe eines Röntgenbildes oder einer Computertomographie eine gefährliche Erkrankung, welche einen grossen operativen Eingriff notwendig macht. Natürlich werden Sie der Diagnose vertrauen und den Eingriff vornehmen lassen, auch dann, wenn die Operation selbst sehr gefährlich ist.

Dies tun wir, obwohl die Identität dessen, was das Röntgenbild oder die Tomographie zeigt, mit meinem Leib nicht bewiesen werden kann. Es gibt nur einen statistisch verlässlichen Zusammenhang zwischen dem räumlichen und zeitlichen Zusammentreffen: Immer - oder zumindest fast immer - wenn das Tomogramm ein gefährliche Veränderung aufweist, stellt sich bei dem anschliessenden Eingriff heraus, dass diese tatsächlich vorhanden war. Dieser statistische Zusammenhang weist bei aller Zuverlässigkeit dennoch eine gewisse Unsicherheit auf, weil gelegentlich Interferenzen und Artefakte bei der Herstellung des Bildes vorkommen, auch hier sind Verwechslungen und Fehldiagnosen möglich. Dennoch ist unsere Überzeugung von der Zuverlässigkeit so stark, dass wir unser Leben dafür riskieren würden.

Eine überzeugende statistische Verlässlichkeit - wie in dem Beispiel des Röntgenbildes - würde uns also im Prinzip auch von der Identität eines Bewusstseinsinhaltes mit einem bestimmten differenzierten Muster neuronaler Aktivität überzeugen können. Es muss nur statistisch zuverlässig gelingen, das Vorliegen des einen aus der Anwesenheit des anderen erschliessen zu können.

Genau dies kann man heute schon leisten, wenn auch in einem sehr beschränkten Gebiet. Hierzu muss ich kurz auf die Forschung an sogenannten Spiegelneuronen (mirror neurons) eingehen und zwar insbesondere auf das dabei verwendete Verfahren. Es gibt nämlich schon heute weit präzisere Instrumente zur Erforschung der Gehirnaktivität als die bildgebenden Verfahren (PET, fMR). Besonders eindrucksvoll ist die Methode des single neuron recording. Hierbei wird die Aktivität von einzelnen Neuronen in einer kleinen Region des Gehirns eines Versuchstiers (z.B. Makakken) beobachtet. Die Methode des single neuron recording ist jedoch „sehr invasiv“, d.h. es werden dabei Mikroelektroden ins Gehirn eingepflanzt. Aus diesem Grund ist das Verfahren wohl auch noch nicht auf Menschen angewandt worden. Mittlerweile kann man mit dieser Methode die elektrischen Potentiale mehrerer hundert Neuronen gleichzeitig präzise aufzeichnen, ihre Aktivität dokumentieren und danach statistisch auswerten.

Ich beziehe mich nun auf einige Untersuchungen von G. Rizzolatti und V. Gallese, die diese 1995 an der Universität Parma unternommen haben und die sie auf die Spur der sogenannten Spiegelneuronen im Motor Cortex geführt haben. Der Motor Cortex ist für die Steuerung unserer Bewegungen zuständig. Die von ihnen verwendete Beobachtungsmethode war das single neuron recording. Diese Methode ist so genau, daß man z.B. bei einer Beobachtung eines sehr kleinen spezialisierten Areals des Motor Cortex jedem einzelnen Typ von Handbewegung (precision grip) jeweils ein einzigartiges Muster der neuronalen Aktivität zuordnen kann. Dieses Muster kann bei der gleichen Bewegung immer wieder als dasselbe identifiziert werden. Das heißt: Wenn eine Versuchsperson einen kleinen Gegenstand mit der rechten Hand ergreift und dann im Gelenk nach rechts dreht, um den Gegenstand von der anderen Seite zu sehen, entsteht ein charakteristisches Muster der neuronalen Aktivität, das in allen weiteren Fällen statistische zuverlässig identifiziert werden kann. Es unterscheidet sich z.B. deutlich von dem entsprechenden Aktivitätsmuster der gleichen Drehung der Hand nach links (und auch von allen anderen Bewegungen). Hiermit konnte also wenigstens in einem sehr kleinen Bereich die statistisch zuverlässige Identifikation eines neuronalen Aktivitätsmusters mit einem Inhalt des Bewusstseins geleistet werden.

Allerdings könnte man hier einwenden, das eine so unbedeutende leibliche Bewegung eigentlich nicht als ein vollwertiger Inhalt des Bewusstseins gelten kann. Manche unserer Bewegungen sind ganz unwillkürlich, viele sind so unbedeutend, dass ihre Regelung sozusagen „untergeordneten“ leiblichen Instanzen überlassen werden kann, die gar nicht bewusst werden. So denken wir selten über die Bewegungen unserer Zehen nach, wir können es aber. Zudem ist es schwer, die Art der Repräsentation dieser Bewegung in unserem Bewusstsein zu beschreiben. Sicher ist, dass es sich dabei sich nicht um die hochstufigen Gegenstände des Denkens handelt, wie z.B. eine Einsicht in einen Sachverhalt (Die Ampel ist grün). Es ist sehr zweifelhaft, ob die kleine leibliche Handlung überhaupt durch Begriffe im Bewusstsein vorgestellt wird. Wir können sie aber durchaus bewusst „denken“, und auch imaginativ „vorstellen“, und dies zeigt, dass wir auch die notwendigen nicht-begrifflichen Mittel haben, solche unbedeutenden Handlungen bewusst vorzustellen. Wir können sie sogar als dieselben leiblichen Bewegungen bei Anderen vorstellen, z.B. wenn wir sehen, dass sie ihre Hand auf die beschriebene Weise bewegen. Auch dies zeigten die Untersuchungen von Rizzolatti und Gallese.

Ich will hier jedoch nicht zu sehr auf die Forschung an Spiegelneuronen eingehen, das ist hier nicht mein Thema. (9) Dennoch möchte ich erwähnen, dass die Untersuchung von Rizzolatti und Gallese eine überraschende Einsicht in die Art geben, wie wir uns die Bewegungen anderer vorstellen, d.h. wie wir sie bewußt haben. Denn es zeigte sich, dass die Neuronen des Motor Cortex nicht nur bei eigenen leiblichen Bewegungen ein charakteristisches Aktivitätsmuster hervorbrachten, sondern dass dieses Muster auch zu beobachten war, wenn die Versuchstiere lediglich die Bewegungen anderer Affen oder auch die des menschlichen Versuchsleiters beobachteten. Dabei war zwar immer nur ein Teil der Neuronen aktiv, doch das Muster der Aktivität blieb identifizierbar dasselbe. Diesen Teil der Neuronenpopulation nannte man deshalb Spiegelneuronen, weil sie in der Lage waren, irgendwie die nur gesehene Bewegung des anderen Subjekts zu simulierten, und zwar so, als ob es seine eigenen wären. Dies scheint ein wichtiger Aspekt der Art zu sein, in der leibliche Bewegungen von Affen - und vielleicht auch von uns - vorgestellt werden.

Wir müssen also folgern, dass in diesem Fall die „Identifikation“ des bewussten Inhalts mit einem messbaren neurologischen Phänomen schon statistisch zuverlässig geleistet ist. Natürlich handelt es sich um einen relativ einfachen Bewusstseinsinhalt mit geringer Komplexität. Vergleichbare Untersuchungen an Menschen wurden mit einer anderen Methode versucht, die mit berührungslosen, computergestützen Verfahren lediglich das Niveau der Erregbarkeit (level of arousal) einer Hirnregion untersuchen. (10) Aber dennoch sieht man hier die Richtung der experimentellen Untersuchungen schon klar vorgezeichnet. Das Interesse an der Identifikation von Bewußtseinsinhalten ist geweckt und die Methoden müssen diesem Interesse noch angepasst und weiter verbessert werden. (11)

Die statistisch zuverlässige Identifikation von neuronaler Aktivität und bewussten Inhalten ist also bereits in ganz kleinem Umfang gelungen. Der wesentliche Anstoss dafür, warum uns heute eine eingehende Zusammenarbeit von Cognitive Neuroscience und weiteren Richtungen der empirischen Psychologie auf der einen und der Phänomenologie auf der anderen Seite als sinnvoll und notwendig erscheint, ist der heutige Stand und der weiter zu erwartende Fortschritt der neurologischen Verfahren, die letztlich den Inhalt des Bewusstseins bestimmen wollen.

Das Motiv der Phänomenologie zu dieser Zusammenarbeit kann aber nicht einfach sein, dass sie diese Bestrebungen unterstützen will, sondern nur, dass sie in ihrem genuin eigenen Forschungsgebiet mit ihren eigenen Methoden Fortschritte erzielen will. Und hierzu hilft die angestrebte Kooperation sicher.

Dan Zahavi hat in einem kürzlich erschienenen Beitrag den Nutzen hervorgehoben, den die Phänomenologie aus einer solchen Zusammenarbeit ziehen kann. Sein Ansatzpunkt ist, dass phänomenologische Analysen von empirischen Ergebnissen der Neurologie und der empirischen Psychologie „herausgefordert“ werden. Diese Herausforderung verlangt dann jeweils neue, eingehendere phänomenologische Analysen des betreffenden Phänomenbereichs. So zeigt die Säuglingsforschung wichtige Aspekte des Zugangs zu der Subjektivität anderer Menschen auf. Nicht erst seit den Aufsehen erregenden Untersuchungen von Meltzoff und Moore über die Imitation von Mimik bei Säuglingen weiss man, dass die phänomenologische Theorie der Intersubjektivität in Konkurrenz mit aktuellen psychologischen Untersuchungen zur vorsprachlichen, sogenannten „Protokommunikation“ steht. - Die phänomenologische Analyse der Erinnerung ist immer noch stark an der Rekonstruktion von zusammenhängenden Episoden orientiert. In der experimentellen Psychologie differenziert man heute dagegen zwischen vielen Formen des Gedächtnisses, z.B. das episodische Gedächtnis, an zeitlich vergangene Ereignisse, das Arbeitsgedächtnis (eine Telefonnummer kurz behalten), das prozedurale Gedächtnis (Fahrradfahren) und das semantische Gedächtnis. So ist auch die Phänomenologie zu einer neuen, detaillierteren Analyse der Gedächtnisleistungen aufgefordert. Zudem: Nicht alle Formen des Gedächtnisses enthalten eine Zurückwendung in der Zeit. Ausserdem wurde in vielen Untersuchungen die Überzeugung widerlegt, dass Erinnerungen, selbst wenn sie subjektiv evident sind, auch immer passive und wahrheitsgetreue Aufzeichnungen der Vergangenheit sind. (12)

Bedenken gegen diese Art der Zusammenarbeit gibt es natürlich viele, einige habe ich bereits genannt. Es fängt bereits mit dem Problem an, ob die empirisch-experimentelle und die deskriptiv-phänomenologische Methode in einem unaufhebbaren Spannungsverhältnis stehen. Wir haben bereits gesehen, dass die transzendentale Ausrichtung der Phänomenologie im Sinne einer grundlegenden Ersten Philosophie hierfür aber kein entscheidendes Hinderniss darstellt.

Husserls Bedenken - die er z.B. in „Philosophie als strenge Wissenschaft“ vehement äussert - gegen die experimentell-empirische Psychologie richten sich gegen die Naturalisierung des Bewusstseins selbst, welche viele Vertreter dieser experimentellen Psychologie auch vertraten. Dieser Reduktionismus, der in der ontologischen Gleichsetzung eines intentionalen Bewussseinserlebnisses mit einem elektrischen Schaltzustand in den Neuronen liegt, reduziert den Sinn der Inhalte des Bewusstseins auf physikalische Zustände und ist für Husserl daher nicht akzeptabel. Und dieser Reduktionismus ist auch heute nicht akzeptabel, weil hierdurch eine ganze eigenständige Dimension der Erfahrung zu einem blossen Epiphänomen herabgesetzt wird.

Aber eine solche Reduktion wird von den kooperationsbereiten Vertretern der Cognitive Science auch nicht mehr verfolgt. So betont Vittorio Gallese in einem Beitrag, der den Beitrag der Spiegelneuronenforschung auf dem Hintergrund bisheriger Theorien der Intersubjektivität (von Husserl und Merleau-Ponty) würdigt, vor allem den Wert der phänomenologischen Untersuchung von vorprädikativen und präreflektiven Leistungen. (13)

Am Ende dürfen wir also für die zukünftige Phänomenologie hinsichtlich aller drei methodischen Richtungen optimistisch sein: Sie wird eidetisch, transzendental und auch naturalisiert sein.

Anmerkungen:

(1) Vgl. meine Darstellung: „Die Idee der Reduktion. Husserls Reduktionen und ihr gemeinsamer methodischer Sinn.“ In: Die erscheinende Welt. Festschrift für K. Held, Hrsg. H. Hüni / P. Trawny, Berlin 2002, 751-771.
(2) Vgl. D. Lohmar: „Die phänomenologische Methode der Wesensschau und ihre Präzisierung als eidetische Variation.“ In: Phänomenologische Forschungen NF 2005, 65-91 und ders: „Husserl’s Concept of Categorical Intuition.“ In: Hundred Years of Phenomenology. Ed. D. Zahavi F. Stjernfelt, Dordrecht 2002, 125-145.
(3) Vgl. George Lakoff / Mark Johnson: Philosophy in the flesh. The embodied mind and its challenge to western thought. Basic Books, New York 1999 und George Lakoff / Rafael Nunez: Where Mathematics comes from. How the embodied mind brings mathematics into being. Basic Books New York 2000.
(4) Vgl. Shaun Gallagher: „Mutual Enlightment: Recent Phenomenology in Cognitive Science.“ In: Journal of Consciousness Studies 4 (1997), 195-214.
(5) Vgl. F. J. Varela: “The Specious Present. A Neurophenomenology of Time Consciousness.” In: J. Petitot / F. Varela / B. Pachoud / J.-M. Roy (eds.): Naturalizing Phenomenology. Issues in Contemporary Phenomenology and Cognitive Science. Stanford 1999, 266-314. Vgl. auch F. J. Varela / E. Thompson / E. Rosch: The Embodied Mind. Cognitive Science and Human Experience. Cambridge, London 1991.
(6) Vgl. S. Gallagher: „Phenomenology and Experimental Design. Toward a Phenomenologically Enlightened Experimental Science.” In: Journal of Consciousness Studies 10 (2003), No.9-10.
(7) Vgl. hierzu etwa die Diskussion dieses Aspekts bei S. Z. Rapcsak, S. R. Galper, F. F. Comer, S. L. Reminger, L. Nielsen, A. W. Kaszniak, M. Verfaellie, J. F. Laguna, D. M. Labiner, R. A. Cohen: „Fear recognition deficits after focal brain damage.“ In: Neurology 54 (2000), 575-581, und R. Adolphs: „Neural systems for recognizing emotion.“ In: Current Opinion in Neurobiology 12 (2002), 169-177. Das Problem der Unterscheidung scheint bei den Emotionen besonders gravierend zu sein, denn diese sind inhaltlich oft an höherstufige Vorstellungen gebunden, so daß Top-Down-Effekte mitspielen können. Eine Studie zum Ekelgefühl im Vergleich der neuronalen Reaktion bei eigener Empfindung und beim Sehen einer filmischen Darstellung bieten B. Wicker, Ch. Keysers, J. Plailly, J. P. Royet, V. Gallese und G. Rizzolatti: „Both of Us Disgusted in My Insula: The Common Neural Basis of Seeing and Feeling Disgust.“ In: Neuron 40 (2003), 655-664.
(8) Mit dem Hinweis auf „künftige Forschungen“ provoziert man natürlich den möglichen polemischen Einwand, es handele sich lediglich um eine „versprechende Wissenschaft“ aus bloßen Plänen, die niemals das einlösen wird, was sie verspricht.
(9) Vgl. meine Darstellung: „Mirror Neurons and the Phenomenology of Intersubjectivity.“ In: Phenomenology and Cognitive Science Vol. 5, 2006, 5-16.
(10) Vgl. Fadiga, L., Fogassi, L., Pavesi, G., Rizzolatti, G.: „Motor fasciliation during action ob­servation: A magnetic stimulation study.“ In: Journal of Neurophysiology 73 (1995), 2608-11.
(11) Man fragt sich natürlich, wie diese Entwicklung weiter gehen wird. Es könnte daher möglicherweise der Tag kommen, an dem es eine Art Geistlese-Maschine (mind-reading machine) gibt, die mit grosser statistischer Wahrscheinlichkeit darüber Auskunft geben kann, was eine Person jetzt gerade denkt, will und fühlt. Dies ist keineswegs Science Fiction, sondern nur eine einfache, sinnvolle Verlängerung von klaren Forschungsinteressen, die schon länger verfolgt werden. Bereits die Erfindung des Lügendetektors zielte auf die Erforschung des Inhalts unserer Gedanken ab. Natürlich stellen sich hier auch eine Reihe von ethischen und juristischen Fragen: Vielleicht wird es sogar einmal notwendig werden, ein Gesetz zum Schutz der persönlichen Gedankeninhalte zu erlassen (wie bei dem Briefgeheimnis).
(12) Vgl. Dan Zahavi: „Phänomenologie und Kognitionswissenschaft: Möglichkeiten und Risiken.“ In: D. Lohmar / D. Fonfara (Hrsg.): Interdisziplinäre Perspektiven der Phänomenologie. Dordrecht 2006, 296-315.
(13) Vgl. V. Gallese: „The ‚Shared Manifold‘ Hypothesis. From Mirror Neurons to Empathy.“ In: Journal of Consciousness Studies 8 (2001), No. 5-7, 33-50.